USA – Teil 4: Orchideenjagd in Washington

Tag1: Vom Columbia River in die Kaskaden

151_cg_sm Corallorhiza maculata

Morgens standen wir sehr früh auf, denn wir waren mit Ron schon um 6 Uhr an der „Bridge of the Gods“ verabredet. Übrigens hat man von der Brücke aus eine ganz fantastische Aussicht auf den Columbia River. Ron erwartete uns schon am verabredeten Treffpunkt. Er war wohl gegen Mitternacht aufgebrochen und war trotz der langen Anreise sehr munter und gut aufgelegt. An die Distanzen in den USA werde ich mich wohl nie gewöhnen. In 6 Stunden komme ich mit Leichtigkeit in mindestens 5 Nachbarländer.
Unsere erste Station war der Dog Mountain. Der Dog Mountain ist bekannt für seine reichhaltige Botanik und so mussten wir nicht weit aufsteigen, um die ersten Orchideen zu sehen. Verena fand schon sehr weit unten die ersten Piperia transversa. Sie traute sich wohl zuerst nicht, etwas zu sagen, weil wir so forsch dran vorbei marschierten. (Zitat von ihr: „Das stand so am Wegesrand, das müsst ihr doch gesehen haben. Weil ihr vorbei gegangen seid, habe ich nichts gesagt“)
Das eigentliche Ziel waren aber die dichten Wälder auf halber Höhe. Als wir das Ziel erreichten, wies Ron auf die hell aufleuchtenden, weißen Phantom Orchids (Cephalanthera austinae) hin. Überall sah man sie weiß im dunklen Wald stehen. Irre, die Pflanzen wirkten wirklich wie Phantome! Aus der Nähe betrachtet sieht man sehr deutlich, dass sie mit unseren Waldvöglein verwandt sind. Sie sehen tatsächlich wie eine chlorophyllfreie Version von C. longifolia ohne Blätter aus. Schon nach so kurzer Zeit hatten wir also diese Zielart gefunden. Ron zeigte uns dort auch noch etliche Korallenwurzarten im dichten Wald. Viel größer, bunter und spektakulärer als unsere heimische Art. Wir sahen dort Corallorhiza maculata in unterschiedlichen Varianten, Corallorhiza striata (var. vreelandii) und Corallorhiza mertensiana von der aber nur Fruchtstände übrig waren.
Wir fuhren danach noch ein weiteres Ziel in der Columbia River Gorge an, wo weitere Phantom Orchids standen. Allerdings nicht in den Massen wie am ersten Ziel und auch schon verblüht.
Danach ging es nach Catherine Creek, wo Ron uns die Spiranthes porrifolia zeigte. Ohne einen ortskundigen Führer hätten wir wohl Probleme gehabt, die Pflanzen zu finden und hätten viel Schaden anrichten können, denn es stehen dort die einzigen Exemplare dieser Art im ganzen Staat Washington. Die steppenartige Landschaft bildete einen enormen Kontrast zu den dunklen Waldstandorten. Erstaunlich, wie trocken die Pflanzen standen, mitten in wildem Getreide, beinahe überwuchert. Dennoch scheinen die Pflanzen damit wenig Probleme zu haben. Offenbar sind sie weitaus stärker als unsere Spiranthesarten.
Nach Catherine Creek ging es in Richtung Norden. Im Brooks Memorial State Park bei Goldendale hielten wir, um den Berg-Frauenschuh zu suchen. Der Cypripedium montanum war aber schon verblüht und man konnte nur trockene Blüten fotografieren. Ich fand diese aber auch sehr attraktiv. Die Ästhetik des Verfalls fasziniert schon. Durch Zufall fanden wir immerhin die unscheinbare Piperia unalascensis in Hochblüte.

 

 

Tag 2: Von den Kaskaden an die Küste

194_cw_sm Cypripedium montanum

Mehr Glück hatten wir dann aber an der letzten Station des Tages, am Blewett Pass. Dort fanden wir an zwei Stellen massenhaft Cypripedium montanum in Hochblüte. Die eine Stelle besuchten wir abends, die zweite Morgens nach einer Nacht im Zelt. Wunderbare Pflanzen mit sehr großen, weißen Blüten. Sie sehen ähnlich wie unser Frauenschuh aus, nur blühen sie eben weiß und nicht gelb. In den Straßengräben wuchs hier immer wieder und nicht zu knapp Platanthera dilatata.
Die Weiterfahrt führte uns vorbei an Leavenworth in Richtung Küste. Leavenworth ist ein Ort mit vielem deutschem oder auch bayrisch angehauchtem Kitsch. Man wähnt sich fast in Garmisch. Vermutlich haben die dort auch ein Oktoberfest. Irgendwie aber schon auch lustig. Abgesehen davon ist die Landschaft natürlich traumhaft.
Nachdem die Nachsuche nach Calypso an einer Stelle dort erfolglos war, waren die letzten Stops des Tages an der Küste. Whidbey Island hat mehrere spannende Biotope. Hier fanden wir zunächst Ozettes Korallenwurz (Corallorhiza maculata var. ozettensis) und Unmengen der Monotropa-Art „Indian Pipe“ (Monotropa uniflora). Die Indian pipe finde ich noch spektakulärer als die Phantom Orchid. Sie leuchtet fast silbern und sieht noch gespenstischer aus. Sehr faszinierend! Das zweite Mal stoppten wir dann am Deception Pass, einer Meerenge zwischen Whidbey Island und Fidalgo Island. Dort fanden wir dann wieder Korallenwurzen und weit vor der normalen Blütezeit erblühte Piperia elegans. Am späten Nachmittag erreichten wir Rons Haus und wurden von seiner Frau lecker bekocht.

 

 

Tag 3: nördliche Kaskaden

219_nc_sm Northern Cascades

Am letzten Tag fuhren wir mit Ron und Nancy in die Kaskaden, um dort in den höheren Lagen noch frühe Orchideen zu finden. Calypso fanden wir auch hier nicht, aber Corallorhiza mertensiana, Corallorhiza trifida, Listera cordata und Listera banksiana. Typische Waldarten also. Das faszinierendste war allerdings bei diesem Ausflug ein Tausendfüßler. Als ich ihn wegen der Dunkelheit blitzte roch es auf einmal stark nach Bittermandel. Ron klärte mich auf, dass das ein Cyanide Millipede (Harpaphe haydeniana) sei. Diese Tiere setzen bei Gefahr Blausäure frei.
Gegen 3 Uhr am Nachmittag verließen wir Ron und Nancy und brachen in Richtung Osten auf. Auf der Fahrt ereilte uns dann mitten in den Nördlichen Kaskaden die nächste Panne mit dem Auto. Die Motorkontrolleuchte ging an und nach einigem hin und her tauschten wir das Auto in Spokane.

Ron und Nancy, vielen Dank für die gute Zeit!

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6 Gedanken zu „USA – Teil 4: Orchideenjagd in Washington

  1. Lieber Martin,
    Wow! 😮
    Die Bilder sind der ab-so-lu-te Hammer! Tolle Funde. Großartige Dokumentation. Danke für die Inspiration.
    Gruß
    Christian

    • Hallo Christian,
      dankeschön! 🙂
      Allerdings sind gerade die Phantom Orchids bei der Lichtsituation unglaublich fotogen und da Ron sich viel Zeit beim Fotografieren nimmt und anderen die Zeit auch lässt, sieht man das an den Ergebnissen.
      Sehr spannende Biotope und viel mehr Waldorchideen, als bei uns. Grade die Vielzahl an Korallenwurzen haut einen um.

      Gruß,
      Martin

  2. A magnificent post, Martin, and all the more wonderful because it brings back so many good memories. What a great few days those were. The photos are wonderful, the text delightful and that fact that I was part of it all made it even more wonderful. What a privilege it was to show you some of our orchids and to meet you both.

        • I would be more than happy to show you our orchids. I know very good biotopes that are very different from yours and can promise you lots of native orchids and maybe some cultural heritage sites if desired. Just tell me some time ahead, so I can plan.
          As for Canada or Washington: I would love to come again of course. I have to save up for it again tho.

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